Schöne Kirche – was nun?

Kann man es heute trotz schwindender Anzahl Mitglieder verantworten, eine katholische Kirche in der Stadt Zürich für 5.5 Mio zu renovieren? Die katholische Kirche hat doch noch andere Probleme!

Lassen Sie uns aufzeigen, wieso Kirche – besonders im Kreis 5 – sehr wohl Sinn macht.

Es ist 9 Uhr morgens, ein normaler Werktag im Zürcher Kreis 5. Bei der Tramstation Quellenstrasse steht nebst anderen geschäftigen Leuten eine Tramchauffeurin, die wahrscheinlich bald ihre Schicht beginnen wird. Eine zierliche Frau mit südländischen Gesichtszügen steigt aus dem 13er, nebenan schlägt die Glocke der Kirche im Quartier zur vollen Stunde.

Die Frau macht sich eben dorthin auf, sie weiss, dass die Türen von St. Josef offen sind. Sie weiss auch, dass dort, weit weg von der pulsierenden Stadt mit viel Verkehr und dem hohen Tempo, Ruhe ist. «Kirche offen» steht auf einem Schild. Sie öffnet die schwere Türe, setzt sich in eine der Nischen, schaut nach oben ins helle Gewölbe. Und dann passiert – aussen nichts, innen aber ganz viel. Ist es das, was Kirche ausmacht?

Mehrwert der Renovation – mehr als technische Verbesserungen

«Wir haben uns vor, während und auch jetzt, nach der Renovation der Kirche immer wieder Gedanken gemacht, wofür dieser grosse und hohe Raum eigentlich steht, wie er benutzt werden soll, welches die Ansprüche an diesen Ort im Jahr 2024 sind.», sagt Urs Fäh, Präsident der Kirchenpflege. Es war immer klar, dass die Kosten nicht alleine durch die dringend und zwingend notwendigen Erneuerungen der technischen Anlagen (siehe dazu Infobox) zu begründen sind. Fäh weiter: «Es sollen, nein – müssen sich auch Vorteile für die Kirchennutzer:innen ergeben, die über den Komfort einer besseren Heizung hinausgehen.»

Weg vom «Frontalunterricht»

Nun gibt es mehr Flexibilität in besagter Nutzung, was den heutigen Ansprüchen an einen Kirchenraum absolut entspricht. Die Seitenschiffe zum Beispiel sind von den fest montierten Bänken befreit, diese Flächen frei gestalt- und benutzbar. Es gibt Nischen und Freiräume, die je nach Situation anders bespielt werden können (siehe dazu Text von Baukommissionspräsident Urs Baur). Kleine oder grosse Konzerte, Ausstellungen, Anlässe für verschieden grosse Menschengruppen können auf die Zielgruppe zugeschnitten werden, da der Raum nun viel mehr Möglichkeiten erlaubt. Es muss nicht mehr alles gegen vorne ausgerichtet sein. 

Besucher:innen willkommen 

In einer Ecke zum Beispiel steht ein Tisch für Gespräche mit Menschen, die nie eine Messe besuchen würden, die offene Kirche aber sehr wohl kennen und schätzen. Leute, die für ein Seelsorgegespräch zu haben sind, es gar suchen. Aber niederschwellig muss es sein. Pfarrer Kappeler dazu: «Gespräche kommen nicht nach dem Terminplan der Kirche zustande. Die Leute kommen, wann es ihnen passt, eben dann bin ich auch da.» Nun ist der Raum heller, freundlicher, wärmer, offener – er heisst einfach willkommen! Unzählige Menschen verschiedenster Herkunft und Nationalitäten, Suchende und Hilfesuchende, Verzweifelte und Menschen, die in St. Josef Ruhe und Spiritualität finden – sie alle kommen spontan in die offene Kirche. Eben das macht Kirche aus!

Mehr als nur schön

Kirche ist immer auch Kulturgut und Teil der Stadtgeschichte, so wie andere Gebäude der Stadt Zürich. Aber auch das alleine reicht nicht, die Renovation zu rechtfertigen. Eine Kirche soll mehr sein als ein museales, schönes Gebäude. Sie muss dienen – dem Quartier, den Kreisen rund ums «Föifi», den Messebesucher:innen, der Kroaten-Mission, den Konzertbesucher:innen und all jenen, die den Ort bewusst oder unbewusst suchen, weil sie wissen: Diese Kirche ist offen.

Die Anziehungskraft reicht übers Quartier hinaus. Sucht man eine Kirche, die diverse Bedürfnisse abdeckt, sehr zentral liegt, genügend gross ist für verschiedenste Anlässe, zudem eine der ältesten katholischen Kirchen der Stadt Zürich – dann kommt man an der renovierten Kirche St. Josef nicht vorbei.

Zur Kirchenrenovation

  • Wettbewerbsverfahren für Architektur und Ausführung der Restaurierung
  • Erneuerung, Update der technischen Einrichtungen: Elektrik, Heizung, Lüftung, Akustik, Multimedia, Restaurierung der Malereien
  • Anpassung an aktuelle Sicherheitsvorschriften
  • Entfernen von Einrichtung der Renovation der 60er-Jahre: roter Spannteppich in Chor, Verschalungen der Heizungen, Abbruch der Kanzel
  • Seitenschiffe «bankfrei»
  • Kosten: 5.5 Mio (mitfinanziert durch Katholisch Stadt Zürich)
  • Ausführung: April 2023 - Juni 2024
  • durch Fahrländer Scherrer Jack Architekten Zürich
  • Präsident Baukommission Urs Baur (Kunst- und Kirchenhistoriker)

Kirche St. Josef Zürich nach 1914 – Zustand mit provisorischer Kanzel (Foto: Kirchgemeindearchiv)
Die Kirche mit den «Eingriffen» der Renovation in den 60er-Jahren (Foto 2014: Frei + Saarinen Architekten)
Kirche St. Josef – Work in Progress (Foto Juni 2024: Fahrländer Scherrer Jack Architekten)